Die Reise des Lichts
Teil 1 – Acht Minuten und hunderttausend Jahre. Was die Wissenschaft über das Licht weiß: wie lange es unterwegs ist – und warum wir immer in die Vergangenheit blicken.
Teil 2 – Das heilige Licht. Was die großen Religionen der Welt im Licht sehen – von „Es werde Licht" bis zum Lichterfest Diwali.
Teil 3 – Licht als Leben. Wie Pflanzen Licht in Leben verwandeln, und was die Naturvölker seit jeher darüber wissen.
Teil 4 – Das Licht der Dichter. Über das Licht und seinen Zwilling, den Schatten – von Goethe bis Tanizaki.
Acht Minuten und hunderttausend Jahre
Die Reise des Lichts von der Sonne bis in mein Bild
Als Fotografin arbeite ich jeden Tag mit Licht. Irgendwann wollte ich wissen, was das eigentlich ist, mit dem ich da arbeite. Was ich herausfand, hat verändert, wie ich die Welt sehe.
Das schnellste Ding im Universum – und trotzdem langsam
Licht ist das Schnellste, was es gibt: fast 300.000 Kilometer in einer einzigen Sekunde. Nichts ist schneller. Und doch braucht es Zeit. Das Sonnenlicht, das gerade auf mein Motiv fällt, ist rund acht Minuten alt. So lange ist es von der Sonne bis zur Erde unterwegs, über 150 Millionen Kilometer. Die Sonne, die ich am Himmel sehe, ist immer die Sonne von vor acht Minuten.
Ein Licht, das älter ist als die Menschheit
Die Reise beginnt sogar noch viel früher. Im Kern der Sonne entsteht die Energie des Lichts durch Kernfusion. Dort drinnen ist es so dicht, dass diese Energie nicht einfach hinausfliegt. Sie wird von Teilchen zu Teilchen weitergereicht, in einem endlosen Zickzack ohne Richtung. Schätzungen reichen von zehntausend bis über hunderttausend Jahren, bis sie die Oberfläche erreicht. Das Sonnenlicht auf meiner Haut trägt also Energie in sich, die schon glühte, als die ersten Menschen aufrecht gingen.
Ein einziger Sonnenstrahl verbindet zwei Zeiten: hunderttausend Jahre im Inneren der Sonne – und acht Minuten durch den leeren Raum.
Ich sehe nie das Jetzt
Was für die Sonne gilt, gilt für den ganzen Himmel. Weil Licht Zeit braucht, sehe ich nie die Gegenwart eines fernen Dings, sondern seinen vergangenen Zustand. Der Mond zeigt sich mir, wie er vor gut einer Sekunde war. Der nächste Stern, Proxima Centauri, wie vor gut vier Jahren. Die Andromeda-Galaxie, die man in dunklen Nächten mit bloßem Auge erahnen kann, sehe ich so, wie sie vor zweieinhalb Millionen Jahren aussah. Ihr Licht brach auf, als auf der Erde die ersten Menschen lebten.
Moderne Teleskope treiben das bis an den Anfang. Das James-Webb-Teleskop fängt Licht ein, das über dreizehn Milliarden Jahre unterwegs war – Bilder aus der Jugend des Universums. Der Nachthimmel ist deshalb keine Momentaufnahme. Er ist ein Bild aus tausend verschiedenen Vergangenheiten, die für mein Auge zu einem einzigen Augenblick verschmelzen.
Der Physiker Albert Einstein hat gezeigt, dass das kein Wahrnehmungsfehler ist, sondern die Natur der Dinge. Raum und Zeit sind kein starrer Rahmen, sondern ein gemeinsames Gewebe, das sich mit dem Beobachter verschiebt. Ein „gleichzeitig", das für das ganze Universum gilt, existiert nicht. Das Licht mit seiner unverrückbaren Geschwindigkeit ist der Faden, der Raum und Zeit zusammenhält. Genau deshalb ist die Fotografie diesem Gedanken so verwandt: Auch ein Bild hält einen Moment fest, der schon vergangen ist, während ich ihn festhalte.
Warum das für mein Handwerk zählt
Genau das tue ich mit jeder Aufnahme. Ich halte Licht fest, das schon vergangen ist, sobald ich auslöse. Ein Foto und ein Sternenhimmel sind im Grunde dasselbe: aufbewahrtes Licht aus einem Moment, den es so nie wieder gibt.
Und noch etwas hat mich berührt. Fast jedes Atom in uns, das schwerer ist als Wasserstoff, entstand einst im Inneren von Sternen und wurde bei ihrem Tod ins All geschleudert – der Kohlenstoff in unseren Zellen, das Eisen in unserem Blut. Wir sind, ganz wörtlich, aus Sternenstaub. Das Licht ist nicht nur, was ich sehe. Es ist, woraus ich bestehe.
Das heilige Licht
Was die großen Religionen der Welt im Licht sehen
Kaum ein Bild teilen so viele Kulturen wie das Licht. Fast überall steht es für dasselbe: für das Göttliche, für Wahrheit, für Hoffnung. Und fast überall wird der geistige Weg als ein Weg aus dem Dunkel ins Licht beschrieben.
Am Anfang steht ein Lichtwort
Im Judentum ist das Licht das erste Werk der Schöpfung. „Es werde Licht" – noch vor Sonne und Sternen. Das Fest Chanukka feiert mit dem achtarmigen Leuchter das Öl, das länger brannte, als es sollte: ein Bild für Widerstandskraft. Das Christentum deutet Christus selbst als Licht. „Ich bin das Licht der Welt", heißt es im Johannesevangelium. In der dunkelsten Zeit des Jahres tragen die Kerzen von Advent und Weihnachten dieses Versprechen weiter – Licht als Hoffnung, geboren, wenn die Nächte am längsten sind. Schon im Hebräischen wird das Wort für Licht, „or", immer wieder zum Bild für Wahrheit und Erlösung; die jüdische Mystik lässt sogar alles Sein aus dem „Licht des Unendlichen" strömen.
Licht über Licht
Im Islam trägt eine der schönsten Stellen des Koran den Namen des Lichts: der Lichtvers. Er beginnt mit einem einzigen großen Bild.
Gott ist das Licht der Himmel und der Erde … Licht über Licht! Gott leitet zu Seinem Licht, wen Er will.
— Koran, Sure An-Nur (Das Licht) 24:35
Das arabische Wort „Nur" meint dieses göttliche Licht der Führung. Im Hinduismus wiederum ist das Licht Gebet und Fest zugleich. Ein uraltes Gebet der Upanishaden bittet: „Führe mich vom Dunkel zum Licht." Und jedes Jahr feiern Millionen Menschen Diwali, das Lichterfest: Reihen kleiner Öllampen verkünden den Sieg des Lichts über die Finsternis.
Erleuchtung – das Licht im Inneren
Der Buddhismus trägt das Licht schon im Wort „Erleuchtung". Der überlieferte Rat des Buddha lautet: „Seid euch selbst ein Licht." Im Zen, der Tradition, die meiner Arbeit am nächsten steht, ist die Erleuchtung ein plötzliches Aufleuchten, ein Moment der Klarheit. Dieselbe stille Klarheit suche ich, wenn ich auf den richtigen Augenblick warte.
Auch anderswo steht die Sonne im Zentrum. In Japans Shinto erzählt der Mythos von der Sonnengöttin Amaterasu, die sich zürnend in eine Höhle zurückzog, sodass die Welt in Finsternis fiel – bis man sie wieder ins Licht lockte. Die alten Perser sahen im Feuer das Zeichen ihres Lichtgottes; die Sikhs sprechen vom göttlichen Licht, das in jedem Lebewesen wohnt.
So verschieden die Wege sind – überall ist das Licht das Zeichen dafür, dass etwas Größeres nahe ist. Wenn ich am frühen Morgen auf das erste Licht warte, verstehe ich, warum die Menschen es seit jeher verehrt haben.
Licht als Leben
Was Pflanzenforscher und Naturvölker über das Licht wissen
Pflanzen können etwas, das kein Mensch kann: Sie verwandeln Licht unmittelbar in Leben. Keine Beziehung in der Natur ist grundlegender – und keine steht meiner Arbeit näher.
Die Pflanze, die Licht isst
In jedem grünen Blatt geschieht täglich dasselbe. Das Chlorophyll fängt das Sonnenlicht ein und baut daraus Zucker – Nahrung, Wachstum, Sauerstoff. Jeder Wald ist damit gespeichertes Sonnenlicht. Jedes Stück Brot ist Sonne, die einen Umweg über ein Feld genommen hat. Die Botanikerin Robin Wall Kimmerer, selbst aus einer indigenen Nation, nennt die Photosynthese einen Akt der Großzügigkeit: Pflanzen nehmen Licht und geben Leben zurück.
Das Licht am Rand der Welt
Die Ethnobotanik erforscht, wie Menschen und Pflanzen zusammenleben. Der Forscher Richard Evans Schultes verbrachte Jahre im Amazonasgebiet, um das Pflanzenwissen indigener Völker zu verstehen. Sein Schüler Wade Davis nannte sein bekanntestes Buch „Licht am Rand der Welt". Er versteht jede indigene Kultur als ein eigenes Licht – eine eigene Art, Mensch zu sein.
Andere Kulturen sind keine gescheiterten Versuche, modern zu sein. Sie sind eigene Antworten auf die Frage, was es heißt, lebendig zu sein – jede ein Licht am Rand der Welt.
— nach Wade Davis
Jede verlorene Sprache, jedes vergessene Pflanzenwissen ist wie ein Licht, das am Horizont erlischt. Diesen Gedanken finde ich tröstlich und mahnend zugleich.
Bauten, die auf das erste Licht warten
Wo Menschen die Sonne als Quelle allen Lebens erfuhren, verehrten sie sie. Die Inka feierten ihren Sonnengott, viele Völker Nordamerikas kennen den Sonnentanz. Und lange vor den Pyramiden bauten Menschen nach dem Licht. Im irischen Newgrange, fünftausend Jahre alt, fällt zur Wintersonnenwende ein einziger Sonnenstrahl durch einen schmalen Schacht bis in die innerste Kammer und erhellt sie für wenige Minuten. Ein Gruß an die Wiederkehr des Lichts – gebaut aus Stein, gerichtet auf einen einzigen Moment im Jahr. Für viele Naturvölker war das Licht zugleich der Kalender: Der Stand der Sonne sagte, wann zu säen und wann zu ernten war.
In den schamanischen Traditionen, die Schultes und Davis beschrieben, kehrt das Licht sogar nach innen: Heilpflanzen rufen bei Ritualen oft Visionen von leuchtenden Mustern hervor – ein Licht, das aus dem Menschen selbst zu kommen scheint.
Wenn ich in unberührter Natur stehe und fotografiere, halte ich am Ende genau das fest: Licht, das Gestalt angenommen hat – als Blatt, als Farbe, als lebendige Form.
Das Licht der Dichter
Über das Licht – und seinen Zwilling, den Schatten
Wo die Wissenschaft misst und die Religion verehrt, tastet die Literatur. Für die Dichter ist Licht beides zugleich: Erkenntnis und Sehnsucht. Und immer wieder geht es ihnen um seinen Gegenspieler – den Schatten.
Goethe und das „Mehr Licht"
Kaum jemand hat sich dem Licht so verschrieben wie Goethe. Seine „Farbenlehre", die er höher schätzte als seine Dichtung, versteht die Farben als das Spiel von Licht und Finsternis. Von ihm stammt der Satz: „Wo viel Licht ist, ist starker Schatten." Und die Überlieferung legt ihm als letzte Worte den Wunsch in den Mund: „Mehr Licht." Nicht alle Dichter aber besingen das Helle. Der Romantiker Novalis feiert in seinen „Hymnen an die Nacht" gerade das Dunkel als Ort der Liebe und der Geheimnisse.
Das Lob des Schattens
Am nächsten aber ist mir der japanische Schriftsteller Tanizaki. In seinem Essay „Lob des Schattens" entwirft er eine ganze Ästhetik der Dämmerung: Die Schönheit liegt nicht im grellen Licht, sondern in den Abstufungen des Halbdunkels, im matten Schimmer auf altem Holz.
Wir finden die Schönheit nicht am Ding selbst, sondern im Spiel der Schatten, das ein Ding gegen das andere wirft.
— nach Jun’ichirō Tanizaki, „Lob des Schattens"
Das erlebe ich bei jeder Aufnahme. Ohne Schatten keine Form. Erst das Zusammenspiel von Hell und Dunkel gibt den Dingen ihre Gestalt – und die Schönheit des Unvollkommenen, die mich im Zen und in der japanischen Ästhetik so anzieht.
Durch den Riss kommt das Licht
Zwei der schönsten Lichtbilder der Literatur handeln von Verletzlichkeit. Rumi schrieb vor achthundert Jahren: „Die Wunde ist der Ort, an dem das Licht eintritt." Der Songpoet Leonard Cohen sang dasselbe: „In allem ist ein Riss – so kommt das Licht herein." Für mich, die ich die Schönheit gerade im Unvollkommenen suche, ist das fast eine Arbeitsanweisung. Und die Autorin Annie Dillard beschreibt einen Moment, in dem sie einen ganz gewöhnlichen Baum plötzlich „voller Lichter" sieht – von Sonne durchflutet, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Genau das sucht die achtsame Fotografie: das Gewöhnliche so lange ansehen, bis das Licht es außergewöhnlich macht. Die Dichterin Mary Oliver hat diese geduldige Aufmerksamkeit einmal die eigentliche Form des Gebets genannt.
Vier Blickwinkel, ein Thema
Damit schließt sich die Reise. Die Wissenschaft sagt: Alles Licht, das wir sehen, ist Vergangenheit. Die Religionen sagen: Licht ist das Zeichen des Heiligen. Die Naturforscher sagen: Licht wird zu Leben. Und die Dichter sagen: Erst der Schatten gibt ihm Schönheit. Ich sage es mit meiner Kamera. Fotografie heißt wörtlich „mit Licht schreiben". Mehr tue ich nicht – und mehr braucht es nicht.